|

Willkommen in der Wissenschaft: Hausarbeiten in der Gruppe entwickeln als transformative Erfahrung

Stefanie Haacke & Marko Wenzel (Universität Bielefeld)


2 Kommentar schreiben zu Absatz 2 1 Liebe mögliche und unmögliche Leserinnen und Leser, liebe LitKom-Kolleg*innen,

3 Kommentar schreiben zu Absatz 3 0 hier ist – wie versprochen – der Entwurf für unseren Beitrag zur Tagung im nächsten Jahr. Wie angekündigt ist der Artikel noch alles andere als fertig. Wir verstehen ihn als Werkstattbericht und freuen uns auf Eure Kommentare, die die Tagungsorganisator/innen (Frank Meyhöfer, Friederike Neumann und Swantje Lahm) dann freischalten, wenn sie den Kommentierungsrichtlinien entsprechen. Was wir uns wünschen würden: Hinweise zu Dingen, die Ihr nicht versteht, die Ihr überflüssig findet, die aus Eurer Sicht fehlen. Anregungen zum Weiterdenken. Was würdet Ihr noch gern lesen? Gern Hinweise zu Literatur. Wir haben zwar auch schon ein paar Ideen, an welchen Stellen wir auf welche Texte verweisen, aber wir hatten noch keine Zeit dazu, auf dieser Ebene zu arbeiten. Mussten erstmal unsere eigenen Gedanken klären. Wir danken Euch im Voraus für die Aufmerksamkeit und Mühe, die es bedeutet, unseren Text zu lesen und zu kommentieren!
Herzlich, Stefanie & Marko


4 Kommentar schreiben zu Absatz 4 2 Dieser Aufsatz beschreibt und diskutiert einen Versuch, den Prozess des Planens, Strukturierens und Schreibens einer Hausarbeit im Rahmen einer geblockten Lehrveranstaltung im Herbst 2019 in die Gruppe zu holen. Die Leitfragen, die dieses Seminar begleitet haben und die auch im Zentrum deses Textes stehen: Wodurch kann ein Hausarbeits-Begleit-Seminar gute und brauchbare Erfahrungen ermöglichen, die Studierende auf weitere wissenschaftliche Schreibprojekte übertragen können? Worauf kommt es dabei besonders an? Sind es schreibunterstützende Inputs, Modelle, Methoden und Übungen? Sind es Zwischendeadlines, die den Prozess strukturieren? Oder ist es der Austausch mit Anderen zum eigenen Arbeitsprojekt, das so zum Objekt bewusster handwerklicher Entscheidungen und Eingriffe wird?

5 Kommentar schreiben zu Absatz 5 2 Unsere Diskussionen bei der Vor- und Nachbereitung der Seminarblöcke, aber auch die Reflexionstexte, die die Studierenden zwischen den Blöcken verfassten und in einem Abschlussportfolio gesammelt haben, haben den Gedanken bestärkt, dass in Veranstaltungen, die Studierende beim Lernen und Praktizieren des wissenschaftlichen Schreibens unterstützen möchten, zwei Elemente besondere Aufmerksamkeit verdienen: Erstens, die Arbeit am eigenen, spezifischen Projekt in den Formen des Genres Hausarbeit. Zweitens, die Herstellung eines sozialen Resonanzraumes, in dem Klärungen und Entscheidungen reflektiert und vorbereitet werden können, die das wissenschaftliche Schreiben ausmachen.


Der organisatorische Rahmen: Das Seminar “Schreiben im Studium. Prozesse, Strategien, Zusammenarbeit”

7 Kommentar schreiben zu Absatz 7 1 Das Seminar „Schreiben im Studium. Prozesse, Strategien, Zusammenarbeit“, Teil eines fächerübergreifend angelegten Moduls zu Studientechniken, wurde vor dem Jahr 2019 schon in unterschiedlichen Formen durchgeführt und ist von uns grundlegend neu konzipiert worden: Anstatt wie bisher zweiwöchentlich in vierstündigen Blöcken während des Semesters, fand es in der neuen Form in der vorlesungsfreien Zeit zwischen Sommer- und Wintersemester in drei ganztägigen Blöcken statt. Das Seminar sollte helfen, den Prozess des Hausarbeitschreibens zu strukturieren, indem es einerseits Etappendeadlines vorgab (Anfang – Mitte – Ende des Prozesses) und andererseits einen Raum für übungsgestützte Reflexionen von Klärungs- und Entscheidungsprozessen zu geben, die oft implizit bleiben und von Schreibenden alleine am heimischen Schreibtisch durchlaufen werden. Die Teilnehmer*innen konnten je vier Leistungspunkte erwerben und mussten jeweils ein Hausarbeitsprojekt einbringen, das sie im Rahmen des Seminars vorantreiben sollten.

8 Kommentar schreiben zu Absatz 8 4 Bei einem Vorabtreffen wurden die Bedingungen (Bearbeiten einer aktuellen Hausarbeit, Anwesenheitsnotwendigkeit, erwartete Formen der Mitarbeit) bekanntgegeben, woraufhin sich eine feste Gruppe von zwölf Studierenden unterschiedlicher textintensiver Fächer in allen Phasen des Bachelor- und Masterstudiums gebildet hat, die bis zum Schluss am Seminar teilnahm. Die erste Sitzung diente der inhaltlichen Planung der Arbeiten und der Vorbereitung der Materialbearbeitung. Im Zentrum der zweiten Sitzung stand die Strukturierung des gesammelten Materials und das Entwickeln einer Gliederung für den Text der Arbeit. Die dritte Sitzung gab Gelegenheit, die Überarbeitung der Rohfassung der Hausarbeit zu beginnen, d.h. sich darüber klar zu werden, wie so eine Überarbeitung überhaupt angegangen werden kann und wie auch in diesem Prozess aktiv Textfeedback von anderen eingeholt und genutzt werden kann.

9 Kommentar schreiben zu Absatz 9 0 Die Ziele des Seminars

10 Kommentar schreiben zu Absatz 10 4 Die Vermittlung von Studientechniken durch Ratgeberliteratur, Propädeutika und Tutorien war noch nie so verbreitet wie heute. Dennoch sind viele Studierende, wenn sie ihre ersten Hausarbeiten schreiben, nicht darauf vorbereitet, die allgemeinen Hinweise zum Planen, Recherchieren und Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten im Rahmen eines spezifischen und konkreten Projekts umzusetzen. Es stellen sich für die Studierenden viele sehr konkrete Fragen: Was genau ist bei meinem Thema eine gute Fragestellung? Wie muss genau dieses Thema eingegrenzt werden? Wie viel Literatur ist genug oder zu viel? Wie zitiere ich richtig? Wie formuliere ich wissenschaftlich in meinem Fach? Wie und warum muss ich diesen Text jetzt überarbeiten? Wer regelmäßig wissenschaftlich schreibt, weiß: diese Fragen stellen sich bei jedem neuen Projekt auf neue Weise und bieten je nach Projekt neue Herausforderungen. In der Gruppe zu erfahren und darüber zu reflektieren, dass wissenschaftliches Schreiben viele ganz spezifische und schwierige Entscheidungen erfordert, für die es kein einfaches Rezept gibt, über die man aber vorbereitend sprechen kann, ist eine gute Grundlage für die Entwicklung wissenschaftlicher Schreibkompetenz im Studium. Ziel unseres Seminars war deshalb, den teilnehmenden Studierenden Gelegenheit zu geben, die vielen Schritte, Entscheidungen und Handlungen an einem konkreten Projekt zu vollziehen und zu reflektieren und damit besser auf zukünftige Schreibprojekte vorbereitet zu sein. Die folgende Abbildung verdeutlicht den Status, den das Seminar als „Lernraum“ im Studium der Teilnehmenden einnehmen sollte:

Abbildung 1: Das Seminar als Werkstatt und Probebühne für wissenschaftliches Schreiben

11 Kommentar schreiben zu Absatz 11 0

12 Kommentar schreiben zu Absatz 12 0 Worauf wir unsere Auswertung stützen

13 Kommentar schreiben zu Absatz 13 0 Die wichtigste Quelle, auf die wir uns bei der Bewertung des Seminars und seines Erfolgs stützen, sind Modulportfolios, in denen die Studierenden Reflexionstexte aus dem Seminar gesammelt haben. Im Folgenden werden wir an mehreren Stellen aus diesen Texten zitieren, um unsere Überlegungen und Schlussfolgerungen zu belegen.

14 Kommentar schreiben zu Absatz 14 3 Unsere Ausführungen basieren aber auch auf unserer eigenen Diskussion während der Vor- und Nachbereitungen der einzelnen Sitzungen. Als Lehrende, die zum ersten Mal im Team-Teaching zusammenarbeiteten, mussten wir die Erwartungen an die Studierenden und ihren Umgang mit unserem Lehrangebot regelmäßig miteinander abgleichen, so dass nicht nur die allgemeinen und spezifischen Lehr-Lernziele, die unsere Veranstaltung verfolgte, sondern auch unsere eigenen Vorstellungen vom Gelingen auf der Ebene der Seminarkommunikation sehr explizit wurden. Eine quantitative Auswertung des Seminars nehmen wir nicht vor. Allgemeinere Schlussfolgerungen, die wir auf der Basis unseres Materials und unserer Diskussionen ziehen, haben Thesencharakter.

15 Kommentar schreiben zu Absatz 15 0 Im Folgenden beschreiben wir anhand des Materials (1) die Erwartungen der Studierenden an das Seminar, (2) die Kommentare der Studierenden zur Struktur unseres Seminars, (3) ihre Einschätzung der Inputs, Methoden und Übungen, die wir im Rahmen des Seminars angeboten haben und (4) ihre Kommentare zu den Austausch- und Reflexionsgelegenheiten im Seminar. In unseren Schlussfolgerungen kommen wir auf unsere eigenen Erwartungen zurück und versuchen, aus unseren Erfahrungen allgemeine Thesen zum Schreibenlernen im Studium zu generieren.


Durchgang durch das Material

17 Kommentar schreiben zu Absatz 17 0 1) Die Wünsche der Studierenden

18 Kommentar schreiben zu Absatz 18 1 Hier zitieren wir aus Freewritings, die die Studierenden beim Vorabtreffen zu ihren Erwartungen geschrieben haben.

19 Kommentar schreiben zu Absatz 19 0 „Durch dieses Seminar möchte ich lernen, schneller, zielführender und letztendlich erfolgreicher Hausarbeiten zu verfassen.“

20 Kommentar schreiben zu Absatz 20 0 „Von diesem Seminar erwarte ich insgesamt meinen bisherigen Schreibprozess reflektieren und verbessern zu können. Ich hoffe durch den Austausch mit meinen Kommiliton*innen neue Strategien kennenzulernen und meine bisherigen Probleme thematisieren zu können.“

21 Kommentar schreiben zu Absatz 21 0

22 Kommentar schreiben zu Absatz 22 0 „Das Problem meinerseits ist, dass ich keine richtige Struktur und vor allem keine Schreibstrategien beim Schreiben von wissenschaftlichen Texten habe.“

23 Kommentar schreiben zu Absatz 23 0 „[Ich erhoffe mir] mehr Struktur und Qualität in meine Hausarbeiten und andere Schreibprojekte zu bringen. Dafür würde ich gerne Techniken oder Methoden kennenlernen, die mir einen strukturierteren Ablauf und ein reibungsloseres Schreiben ermöglichen.“

24 Kommentar schreiben zu Absatz 24 0 Wie diese Zitate zeigen, hofften die Studierenden, dass das Hausarbeitenschreiben durch unser Seminar leichter werden würde, dass „Struktur“ (auch in den Erwartungs-Texten der anderen Studierenden ein häufig gebrauchtes Wort) ihnen ein schnelleres, reibungsloseres Arbeiten ermöglichen würde. Auch Wünsche danach, zu „optimieren“, „zügig“, „effizienter“ zu arbeiten, ein „gezielteres und überschaubareres Schreiben“ hinzubekommen, wurden deutlich. Bei einigen Seminarteilnehmer*innen, v. a. solchen, die bis dato nur wenig Erfahrung mit dem wissenschaftlichen Schreiben hatten, wurde der Wunsch deutlich, zu lernen, wie man es „richtig“ angeht. Hier ein Beispiel:

25 Kommentar schreiben zu Absatz 25 0 „Gerade für diejenigen, die noch wenig Erfahrung mit solchen Schreibprojekten mitbringen, ist es ein von großem Vorteil, das korrekte, beziehungsweise optimale Vorgehgen vermittelt zu bekommen und es sogleich anwenden zu können.“

26 Kommentar schreiben zu Absatz 26 2 Interessant finden wir, dass einige Studierende problematisierten, dass es schwierig sei, Themen zu bearbeiten, für die sie sich nicht interessierten. Eine Person äußerte sogar die Hoffnung

27 Kommentar schreiben zu Absatz 27 1 „… Strategien zu lernen, die mir helfen auf ein Seminar und vor allem eine Arbeit vorbereitet zu sein, die nicht meinem eigentlichen Interesse entspricht.“

28 Kommentar schreiben zu Absatz 28 0 In den Erwartungs-Freewritings gab es aber auch Stimmen, die die subjektive Seite und die „Motivation“ (ein in diesem Zusammenhang häufig gebrauchtes Wort) für das wissenschaftliche Schreiben stärker betonten, als dass sie Erwartungen an eine bessere Anpassung an die vorgegebene Zeittaktung, das richtige Vorgehen oder gar die Bearbeitung von unattraktiven Themen formulierten. So wünschte sich ein*e Teilnehmer*in, „nicht mehr mit negativen Emotionen, Stress und Überforderungen“ zu kämpfen zu haben, und einen verständnisvollen Umgang im Seminar. Ein*e Teilnehmer*in bekundete:

29 Kommentar schreiben zu Absatz 29 2 „Meistens bin ich genau dann motiviert über ein Thema zu schreiben, wenn ich es selbst ausgesucht habe und ein persönliches Interesse daran habe. Dann bleibe ich auch motiviert und habe Lust, an dem Thema zu arbeiten.“

30 Kommentar schreiben zu Absatz 30 0 Und ein*e andere*r schrieb:

31 Kommentar schreiben zu Absatz 31 0 „Es ist hilfreich den Fokus darauf zu legen, was einen selbst interessiert, dadurch fallen einem Themen oder vielleicht sogar Fragestellungen ein, die sich für eine Hausarbeit gut verwenden lassen können.“

32 Kommentar schreiben zu Absatz 32 0 Kommentar der Autor*innen: (Hier fehlt noch der Abschluss)

33 Kommentar schreiben zu Absatz 33 0 2) Kommentare der Studierenden zur Seminarstruktur

34 Kommentar schreiben zu Absatz 34 0 Unterschiede im Umgang mit der Seminarstruktur, d.h. der Taktung des Arbeitsprozesses durch die drei Sitzungen, wurden schon im zweiten Arbeitsblock deutlich: Kurz vor dem zweiten Treffen hatten wir eine E-Mail mit Fragen zur Literaturarbeit[1] verschickt, die zwischen Treffen I und II gemacht werden sollte.

35 Kommentar schreiben zu Absatz 35 0 Von zwölf angeschriebenen Teilnehmer*innen antworteten neun. Fünf Teilnehmer*innen berichteten von einem zwar anstrengenden, aber im Sinne der Bewältigung des Geplanten erfolgreichen Arbeitsprozess. Drei Teilnehmer*innen berichteten von Schwierigkeiten mit dem Konzept, über die Semesterferien hinweg an ihren Hausarbeiten zu arbeiten:

36 Kommentar schreiben zu Absatz 36 0 „Direkt im Anschluss an unser letztes Treffen war ich motiviert (…) schiebe ich aber noch etwas nach hinten, da meine Arbeit ja erst im Winter fertiggestellt werden muss und ich meine momentane Fragestellung zunächst auch noch von meinem Dozenten absegnen lassen muss, der jedoch bis Mitte August im Urlaub ist.“

37 Kommentar schreiben zu Absatz 37 0 „Obwohl ich über die Nützlichkeit von Exzerpten genau Bescheid weiß, erstelle ich meist keins oder nur von einem Text, den ich vollständig gelesen und verstanden habe.“

38 Kommentar schreiben zu Absatz 38 0 „Ich finde, dass ich dazu bestimmt noch mehr Literatur finde, wenn ich ordentlich suchen würde. (…) Irgendwie sehe ich mich nicht in der Lage, die Arbeit über einen längeren Zeitraum hinweg zu schreiben. (…) irgendwie ist die Zeit verflogen.“

39 Kommentar schreiben zu Absatz 39 0 Eine Teilnehmerin hatte noch gar nicht versucht zu beginnen. Sie wollte darauf warten, dass der Dozent, bei dem sie die Hausarbeit schrieb, ihren Überlegungen zur Fragestellung zustimmte. Sie verschob die Bearbeitung ihrer Hausarbeit auf diese Weise gänzlich auf die Zeit nach unserem Seminar. Sie blieb zwar dabei, aber musste in den Austausch- und Übungssequenzen weitgehend hypothetisch teilnehmen. Für diese Teilnehmerin, die während der vorlesungsfreien Zeit keinen Zugang zu dem Dozenten hatte, der ihre Arbeit schließlich bewerten würde, wäre ein schreibintensiver Seminaransatz im Fach sicher geeigneter gewesen.

40 Kommentar schreiben zu Absatz 40 0 In den Portfolios fand die Seminarstruktur wenig Erwähnung. Ein*e Teilnehmer*in erwähnte sie im Zusammenhang mit ihren Hoffnungen und Erwartungen an das Seminar:

41 Kommentar schreiben zu Absatz 41 0 „Dadurch, dass es drei Termine geben wird, an denen wir bereits bei bestimmten Arbeitsschritten angelangt sein sollen, kann man es vermutlich sehr gut als Orientierungshilfe nutzen. Dies wäre auch eine Motivation, bereits frühzeitig zu beginnen und nicht alles aufzuschieben, wozu ich leider sehr neige.“

42 Kommentar schreiben zu Absatz 42 0 3) Was die Studierenden von unseren Inputs, Methoden und Übungen hielten

43 Kommentar schreiben zu Absatz 43 1 Methoden, Techniken und Wissen über bestimmte Dimensionen des Schreibens (z. B. Argumentieren) spielten in den anfänglichen Erwartungen der Studierenden eine große Rolle. In den Freewriting-Texten, die die interessierten Studierenden während des Vorabtreffens zu ihren Erwartungen an das Seminar geschrieben hatten, waren – nach dem oben genannten Wunsch nach Struktur und der Steigerung der Effizienz des eigenen Arbeiten – die häufigsten Worte „Techniken“ und „Methoden“, aber auch Wissen darüber, wie man beim wissenschaftlichen Schreiben vorgehen sollte, war gewünscht:

44 Kommentar schreiben zu Absatz 44 1 „In dem Seminar möchte ich gerne lernen, wie man eine Hausarbeit vor dem Schreibprozess vorstrukturiert und Ideen und Argumente vor Beginn des Schreibens plant.“

45 Kommentar schreiben zu Absatz 45 0 Um dem Wunsch der Studierenden nach Vermittlung handwerklichen Wissens zu entsprechen, führten wir in jeden wichtigen Schritt der Hausarbeitsentwicklung und -bearbeitung zunächst in Form eines kurzen Inputs ein, um den Teilnehmenden danach durch passende Methoden und Übungen Gelegenheit zu geben, ihr eigenes Arbeitsprojekt oder den eigenen Arbeitsprozess in den Blick zu nehmen. Ein Beispiel: Das inhaltliche Planen der Hausarbeitsprojekte und das vorläufige Festlegen einer ersten Fragestellung (erster Block) leiteten wir ein, indem wir in einem kurzen Input erklärten, worauf erfahrene wissenschaftlich Schreibende dabei achten, und wie man sich diese Art des Planens überhaupt vorstellen kann. Danach gaben wir den Studierenden Gelegenheit, anhand von Leitfragen eine erste Planung und eine erste tentative Fragestellung für ihr eigenes Hausarbeitsprojekte zu skizzieren. Danach arbeiteten die Studierenden in Dreiergruppen, stellten ihren Kommiliton*innen die eigene Planung und vorläufige Fragestellung vor und erhielten von ihnen Feedback in Form von Verständnis- und Konkretisierungsfragen. Nach dieser intensiven Auseinandersetzung mit den eigenen Ideen und Plänen wurden während der Gruppenarbeiten entstandene Fragen im Plenum besprochen. So oder so ähnlich machten wir es mit allen wichtigen Etappen des Entwickelns der Hausarbeiten der teilnehmenden Studierenden: Einer Einführung in Form eines Inputs folgte die Vorstellung und das individuelle Ausprobieren einer Methode. Die Ergebnisse dieses Ausprobierens wurden in Zweier- oder Dreiergruppen besprochen und schließlich wurde im Plenum diskutiert.

46 Kommentar schreiben zu Absatz 46 3 Wie aus dieser Beschreibung deutlich wird, spielten Inputs und Methoden eine wichtige und dienende Rolle im Seminar. Wir wählten sie jeweils aus, um die Teilnehmenden in die Auseinandersetzung mit ihren Arbeitsprojekten und ihren eigenen Vorannahmen und Vorgehensweisen zu führen. Das wichtigste Ziel war aber weniger die Methoden zu vermitteln, sondern durch ihren Einsatz bestimmte Anforderungen und Gegebenheiten des Arbeitsprozesses beim Schreiben von Hausarbeiten sichtbar und greifbar zu machen. Damit wollten wir den Teilnehmenden die Möglichkeit eröffnen, über eigene passende Formen für die Bewältigung der Arbeitsphasen und -schritte nachzudenken, die ihnen bei zukünftigen wissenschaftlichen Arbeiten erneut bevorstanden. Die Portfolios der Teilnehmenden zeigen, dass einzelne Methoden offenbar gut auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren:

47 Kommentar schreiben zu Absatz 47 1 „Ich werde weiter neue Schreibtechniken ausprobieren und von nun an meinen Schreibprozess etwas anders gestalten.“

48 Kommentar schreiben zu Absatz 48 0 „Was ich von dem Seminar mitgenommen habe und weiter ausprobieren und üben werde, ist zum einen die Pomodoro-Methode, da sie mir hilft, länger diszipliniert und strukturiert zu arbeiten.“

49 Kommentar schreiben zu Absatz 49 0 „Zudem werde ich viel häufiger versuchen mir Feedback für meinen Vortrag oder meine Hausarbeit einzuholen, denn mir ist bewusst geworden, wie sehr einem ein konstruktives Feedback von anderen helfen kann.“

50 Kommentar schreiben zu Absatz 50 0 4) Zentrale Erfahrung für die meisten: Reflexion und Austausch

51 Kommentar schreiben zu Absatz 51 1 Die meisten Portfolios enthalten Aussagen dazu, wie sehr ihnen der Austausch mit anderen geholfen hat. Die in der Einleitung genannten zwei wichtigen Dimensionen dieses Seminars, die entlastende des sozialen Miteinanders und die handwerkliche der inhaltlichen Weiterentwicklung ihrer Hausarbeiten, werden dabei gleich stark gewichtet. Die folgenden Zitate belegen: Als besonders wertvoll wurde empfunden, nicht allein zu sein; zu sehen, dass jede und jeder ein wenig anders an das Hausarbeitenschreiben herangeht; und gelernt zu haben, den Blick der Kommiliton*innen auf eigene Zwischenprodukte für die inhaltliche Weiterentwicklung der eigenen Arbeit zu nutzen.

52 Kommentar schreiben zu Absatz 52 1 Bemerkungen zum entlastenden Charakter des sozialen Resonanzraums

53 Kommentar schreiben zu Absatz 53 0 Kommentar der Autor*innen: Hier fehlt noch Text

54 Kommentar schreiben zu Absatz 54 0 „Dabei war es teilweise auch sehr schön zu sehen, dass man mit seinen Sorgen und Bedenken nicht alleine ist.“

55 Kommentar schreiben zu Absatz 55 0 „Was mir wirklich geholfen hat waren eher Teile, in denen ich mich mit meinen Kommilitonen und Kommilitoninnen unterhalten konnte.“

56 Kommentar schreiben zu Absatz 56 0 „Beruhigend war die Tatsache, dass jeder individuell anders an einen wissenschaftlichen Text herangeht und es viele unterschiedliche Wege gibt, wie man so eine Arbeit niederschreibt.“

57 Kommentar schreiben zu Absatz 57 0 „[…] ebenfalls beruhigend zu wissen [war], dass alle Teilnehmer vor derselben Aufgabe sich befanden und nur unterschiedliche Themenschwerpunkte hatten.“

58 Kommentar schreiben zu Absatz 58 0 Bemerkungen zum Nutzen des Austauschs für die Arbeit am eigenen, spezifischen Projekt

59 Kommentar schreiben zu Absatz 59 0 Kommentar der Autor*innen: Hier fehlt noch Text.

60 Kommentar schreiben zu Absatz 60 1 „Zudem werde ich viel häufiger versuchen mir Feedback für meinen Vortrag oder meine Hausarbeit einzuholen, denn mir ist bewusst geworden, wie sehr einem ein konstruktives Feedback von anderen helfen kann.“

61 Kommentar schreiben zu Absatz 61 0 „Am wertvollsten war für mich der Austausch mit den anderen Teilnehmenden, da einige wirklich sehr gute Ideen und Tipps hatten, vor allem wenn es um konkretes Feedback zur eigenen Hausarbeit ging.“

62 Kommentar schreiben zu Absatz 62 0 „Das Austauschen darüber hat dazu geführt, dass man dabei merken konnte, ob das Thema an sich schlüssig ist oder nicht.“

63 Kommentar schreiben zu Absatz 63 0 „Ebenfalls führte das permanente Festhalten der Gedanken dazu, dass der Prozess des Brainstormings gefördert wurde und weiterging. Währenddessen kam ich auf mehr Ideen für meine Hausarbeit.“

64 Kommentar schreiben zu Absatz 64 1 „Mein Feedback-Partner hat mich, auf meine Bitte hin, darauf hingewiesen, dass der Teil noch zu wenig im Kontext meiner Hausarbeit bestehe. Auch konnte ich im Gespräch mit ihm herausfinden, wie ich schlussendlich die verschiedenen Themenbereiche meiner Hausarbeit miteinander verknüpfen konnte.“

Diskussion/Schluss

66 Kommentar schreiben zu Absatz 66 1 In diesem Seminar haben wir aus der Not eine Tugend gemacht, dass Hausarbeiten fast immer während der vorlesungsfreien Zeit und viel zu oft ohne Anleitung durch Lehrende und in großer Einsamkeit geschrieben werden. Dass die Ergebnisse des einsamen, unbetreuten und ohne Feedback und Austausch betriebenen Schreibens im Studium nicht immer gut sind, wird weithin beklagt. Unser Seminarexperiment hat gezeigt, was Studierende brauchen, um bessere Arbeiten zu schreiben, was sie brauchen, um sich durch das Schreiben intensiv mit fachlichen Fragen zu beschäftigen, und schließlich was sie brauchen, um durch das Schreiben ein bisschen mehr zu begreifen, was es bedeutet, im jeweiligen Fach wissenschaftlich zu arbeiten.

67 Kommentar schreiben zu Absatz 67 0 Es gibt keinen Algorithmus für das richtige Schreiben

68 Kommentar schreiben zu Absatz 68 2 Wissenschaftlich zu schreiben ist und bleibt schwierig, da es schlicht eine (wenn nicht sogar die) Form ist, wissenschaftliche Fragen zu stellen, auf wissenschaftliche Weise Materialien zu bearbeiten und daraus wissenschaftliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Schreiben, das gleichzeitig Medium der im Prozess notwenigen Kommunikation mit sich selbst (Planung und Reflexion) ist und der Kommunikation mit der wissenschaftlichen Community dient (der am Ende bewertete Text), ist eine harte Arbeit; ein Handwerk oder eine Kunst, die durch viel Erfahrung lernbar, aber immer wieder aufs Neue schwierig ist. Vor allem in diskursiven, textintensiven Disziplinen, in denen Geschriebenes nicht nur Medium, sondern häufig auch Gegenstand des wissenschaftlichen Schreibens ist, gleicht das wissenschaftliche Schreibenlernen dem Handelnlernen auf einem neuen Planeten ganz aus Sprache.

69 Kommentar schreiben zu Absatz 69 1 Wissenschaftlich zu schreiben lernt man, indem man es tut. Es gibt keinen Algorithmus, der diese Arbeit reibungslos oder automatisch machen würde. Schreiberfahrenere Studierende, die an unserem Seminar teilgenommen haben, wussten das schon vorher. Diese Studierenden erwarteten z. B. „vom Seminar nicht, dass es einen revolutionären Weg aufzeigt, an Schreibprojekte heranzugehen“ (ein Erwartungs-Freewriting). Stattdessen nutzen sie es, um ihre Routinen und Strategien zu überprüfen und zu reflektieren. Andere, und das betrachten wir als schönes Resultat unseres Workshops, haben nach einem Einstieg mit dem Wunsch, die Aufgabe Hausarbeit „zügiger“ und „effizienter“ bewältigen zu können, im Laufe des Seminars ein realistischeres Verhältnis zu den Schwierigkeiten und Möglichkeiten wissenschaftlichen Schreibens entwickelt. Durch Eigenarbeit, Austausch und Reflexion sind sie ein bisschen mehr auf dem Planeten „Wissenschaft“ angekommen.

70 Kommentar schreiben zu Absatz 70 0 Das Eigene                                                                  

71 Kommentar schreiben zu Absatz 71 0 Im Zuge der intensiven Auseinandersetzung und des Austauschs über eigene Hausarbeitsthemen, vor allem beim Entwickeln der eigenen Fragestellungen, kam zum Ausdruck, dass für etliche Studierende das Bearbeiten fremdgestellter Themen besonders mühsam war. Die im Seminar vorgestellten Formen, sich ein Thema zu eigen zu machen, das auf den ersten Blick nicht interessant scheint, haben in einzelnen Fällen gute Effekte gehabt. Die Bekundung, dass es gelungen sei, „das Forschungsinteresse meiner Hausarbeit auf den Punkt zu bringen“ (Portfolio), „dass ich auf jeden Fall eine persönliche Art des Schreibens entwickelt habe“ (Portfolio) und weitere mündliche Äußerungen darüber, wie überraschend es war, dass die intensive Beschäftigung mit einem Thema das Interessante daran erst zu Tage fördert, zeigten uns, dass das Seminar dazu beigetragen hat, die Teilnehmenden darin zu bestärken, ihre Hausarbeitsprojekte als eigene wissenschaftliche Arbeit zu begreifen. Beides, sowohl die Vielstimmigkeit der Besprechung der einzelnen Projekte, als auch die methodische Vor- und Nachbereitung der planenden, vertiefenden und strukturierenden Phasen ihrer Bearbeitung, trug dazu bei, die (bei einigen Teilnehmenden zunächst herrschende) Vorstellung, eine Hausaufgabe zu machen, die ‚richtig‘ oder ‚korrekt‘ zu sein hat, durch die Idee zu ersetzen, an einem eigenen ergebnisoffen angelegten Projekt zu arbeiten.

72 Kommentar schreiben zu Absatz 72 1 Fazit: Was wäre ideal?

73 Kommentar schreiben zu Absatz 73 4 So schlau unsere Idee war, das Seminar in die vorlesungsfreie Zeit zu legen, in der die teilnehmenden Studierenden ohnehin an ihren Hausarbeiten arbeiten würden, so sehr zeigte sich an vielen Stellen das Fehlen der fachlichen Begleitung und Betreuung. Wie oben geschildert, gab es sogar eine teilnehmende Person, die die Arbeit an ihrer Hausarbeit einstellte, weil ihr die positive Rückmeldung ihres Betreuers auf die inhaltliche Planung und Fragstellung fehlte, die sie im Rahmen des ersten Blocks erarbeitet hatte. Fachlich Betreuende waren in der vorlesungsfreien Zeit nicht greifbar, und das Schreiben von Hausarbeiten ist in der Vorlesungszeit nicht vorgesehen. Es ist eine spannende Frage, wie in einer idealen Situation fachliche Lehre und Betreuung auf der einen Seite mit überfachlicher Unterstützung und Beratung zusammenspielen müsste, um Studierende bei ihrer Fach- und Schreibsozialisation nicht allein zu lassen. Einige Bedingungen lassen sich aber schon jetzt thesenhaft nennen: Studierenden sollten möglichst viele Anlässe zum wissenschaftlichen Schreiben gegeben werden, und zwar so, dass die Erfahrungen, die sie dabei machen, von den Lehrenden eingeordnet und als sachangemessen behandelt werden. Das heißt, bestimmte Schritte, die das Schreiben von Hausarbeiten ausmachen, müssten schon innerhalb von Lehrveranstaltungen und Sprechstunden angeleitet und besprochen werden. Lehrende sollten eigene Vorgehensweisen und Erfahrungen beim wissenschaftlichen Schreiben mit Studierenden teilen, und die Institution müsste die zeitlichen und organisatorischen Voraussetzungen zur Verfügung stellen, Prozesse des fachlichen (Schreiben-)Lernens als hakelige, immer auch unangenehme, notwendig umweghafte (iterative!) Prozesse zu erkunden und zu besprechen, die immer individuell und persönlich, immer anders und niemals einfach ‘glatt’ oder ‘reibungslos’ verlaufen. Lernen, zumal im Kontext Wissenschaft, bedeutet nicht nur, Verhaltensweisen anzueignen, sondern sich selbst zu verändern und die Art, wie man denkt und in der Welt steht. Damit das Studium diese Art von Lernen ermöglicht, müssen alle Beteiligten die Sache, um die es dabei geht, ernst nehmen. Auch und vor allem die Hausarbeiten, die Studierende schreiben, und die Perspektiven, Fragen, Erfahrungen, die sie dabei als Lernende machen.

Quelle:https://schreibenlehren.de/willkommen-in-der-wissenschaft/?replytopara=23