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Analytisch und kritisch lesen und darüber schreiben lernen. Ein Semesterprogramm im Bachelorstudiengang Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld

1 Kommentar schreiben zu Absatz 1 0 Friederike Neumann (Universität Bielefeld)


2 Kommentar schreiben zu Absatz 2 2 Die zweisemestrigen Grundkurse „Mittelalter/Frühe Neuzeit – Moderne“ in den Bachelorstudiengängen Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld zielen unter anderem darauf ab, Studierende in das analytische und kritische Lesen von geschichtswissenschaftlichen Texten einzuführen. Die Prüfungsleistung des ersten Semesters besteht entsprechend darin, eine schriftliche „Kritische Analyse“ einer geschichtswissenschaftlichen monographischen Studie oder, so haben wir es abgewandelt, dreier geschichtswissenschaftlicher Aufsätze[1] zu verfassen. In den letzten beiden Jahren hatte ich zweimal die Gelegenheit, solche Grundkurse zu planen und durchzuführen, jeweils mit einem anderen Ko-Lehrenden und einem anderen inhaltlichen Schwerpunkt. Für diese Kurse haben wir ein Trainingsprogramm entworfen und umgesetzt, mit dem wir Studierenden die nötigen Kompetenzen vermitteln und sie auf die Prüfungsleistung vorbereiten wollten. Die Leitfragen meines Beitrags lauten: Was nützt dieses Trainingsprogramm? Unterstützt es Studierende dabei, Texte im geschichtswissenschaftlichen Sinne analytisch und kritisch zu betrachten und kritische Analysen dieser Texte zu verfassen, die der Aufgabenstellung gerecht werden? Lassen sich im Verlauf des Semesters Verbesserungen in den entsprechenden Leistungen der Studierenden feststellen? Welche Schwächen weisen die Texte von Studierenden auf, deren Prüfungsleistungen (zunächst) als nicht bestanden bewertet werden?[2] Und: Sind die erhobenen Daten überhaupt geeignet, um all dies festzustellen? Diese Fragen behandele ich am Beispiel des zweiten Durchgangs dieses Trainingsprogramms im Rahmen des Grundkurses „Religiöse Pluralität in Vormoderne und Moderne“, Teil 1 aus dem Sommersemester 2019.

3 Kommentar schreiben zu Absatz 3 0 Die empirische Grundlage meiner Untersuchung besteht zum einen in meinen schriftlichen Kommentaren zu Texten der Studierenden, sowohl zu ihren Übungstexten im Rahmen der Studienleistung als auch zu ihren schriftlichen Prüfungsleistungen. Die Texte der Studierenden selbst habe ich für Feedback und Bewertung schon intensiv gelesen und werde das für diese Untersuchung nicht noch einmal tun. Zum anderen stehen mir schriftliche Rückmeldungen von Studierenden zu bestimmten Elementen des Kurskonzepts zur Verfügung.

4 Kommentar schreiben zu Absatz 4 1 Meine Methode besteht im Kern darin, aus diesem Material alle Elemente, die ich Studierenden individuell zuordnen kann, jeweils zu einem Datensatz zusammenzustellen. In diesem Beitrag werte ich exemplarisch drei dieser Datensätze aus: Spiegeln sich darin Entwicklungen und Verbesserungen? Wiederholen sich bei einzelnen Studierenden kritische Punkte? Haben die Studierenden die Arbeit mit unserem Trainingsprogramm als nützlich empfunden?


Analytisches und kritisches Lesen geschichtswissenschaftlicher Texte, das Verfassen „kritischer Analysen“ und Schwierigkeiten, die Studierende mit beidem (zunächst) haben

5 Kommentar schreiben zu Absatz 5 0 Mit fachgerechtem, analytisch-kritischem Lesen von geschichtswissenschaftlichen Texten ist eine Betrachtungsweise von Texten gemeint, die darauf abzielt, deren zentrale Aussagen wahrzunehmen und ihre Plausibilität kritisch zu reflektieren bzw. zu prüfen. (Zu den Lesestrategien von Historiker*innen Pace 2003?, Neumann 2015). Zu einer solchen professionell-geschichtswissenschaftlichen Herangehensweise an Texte gehört, sich Texten mit folgenden Fragen zu nähern: Zu welcher Textart gehört er? (Und sich klar zu machen: Was kann man von einem Text dieser Art erwarten?) Wann ist der Text (erstmals) erschienen? Wer hat ihn verfasst? In welchem Kontext ist er entstanden und veröffentlicht worden? Was ist das Thema des Textes? Welche Zielsetzung wird mit dem Text verfolgt – was soll gezeigt, nachgewiesen oder plausibilisiert werden? Gerade bei Texten, die auf eigener Forschung der Autor*innen beruhen (etwa monographische Studien, aber auch viele Aufsätze in Fachzeitschriften oder Sammelwerken), ist zu fragen: Wie konstruiert der Autor/die Autorin eine Problemstellung, die mit dem Text bearbeitet werden soll? Wie ist der bisherige Forschungsstand dargestellt, über den der Text hinausweisen soll? Welche leitende Fragestellung wird formuliert bzw. welche lässt sich erschließen? Welche Thesen werden vertreten? Auf welcher empirischen Basis – sprich: auf welchen historischen Quellen – beruht die vorgestellte Untersuchung und Argumentation? Auf welche Literatur stützt sich der Autor/die Autorin in erster Linie? Welche Begriffe werden prominent verwendet? Damit zusammenhängend: Ist ein historiographischer oder theoretischer Ansatz erkennbar, der die Untersuchung und Argumentation leitet (z.B. eine diskursgeschichtliche, geschlechtergeschichtliche, sozialgeschichtliche Herangehensweise)? Wie ist der Text aufgebaut? Was sind wichtige Zwischenergebnisse? Ist erkennbar, wie diese Zwischen- oder Teilergebnisse aus der Analyse und Interpretation von historischen Quellen herausgearbeitet wurden? Wie werden die Zwischenergebnisse zum Gesamtergebnis zusammengesetzt? Inwiefern gehen die Ergebnisse über den Forschungsstand, wie der Autor/die Autorin ihn selber skizziert, hinaus? Kritisch wird eine solche Betrachtungsweise eines geschichtswissenschaftlichen Textes, indem folgende Fragen hinzukommen: Sind diese Aspekte jeweils klar, nachvollziehbar, überzeugend und zudem angemessen aufeinander abgestimmt? Kann der Autor/die Autorin tatsächlich zeigen, was sie sich vorgenommen hat? Scheint das verwendete Material (Quellen und Literatur) der Fragestellung und Zielsetzung angemessen zu sein? Sind Aussagen und Schlussfolgerungen auf die Analyse von Quellen gestützt? Sind Beispiele geeignet, um Thesen zu stützen? Geht die Gesamtargumentation auf oder gibt es Anlass zum Zweifel?

6 Kommentar schreiben zu Absatz 6 1 Schriftliche „kritische Analysen“, wie sie in Bielefeld als Prüfungsleistung im ersten Semester der genannten Grundkurse verlangt werden, behandeln im allerbesten Fall all diese Elemente. Was in der Abteilung Geschichtswissenschaft als „kritische Analyse“ erwartet wird, lässt sich mit einer ausführlicheren Rezension vergleichen. Dabei ist allen Lehrenden bewusst, dass Studierende die Einordnung eines Textes in größere Forschungskontexte, wie es von Rezensent*innen in der Regel erwartet wird, noch nicht leisten können.

7 Kommentar schreiben zu Absatz 7 1 Studierende haben zu Beginn ihres Geschichtsstudiums in der Regel Mühe mit der Lektüre geschichtswissenschaftlicher Texte. In Workshops zum geschichtswissenschaftlichen Lesen, die ich in den vergangenen 7 Jahren vielfach veranstaltet habe, berichten viele, dass es ihnen schwerfällt, beim Lesen Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Viele scheinen in Details zu ertrinken und verlieren den Faden. Lesestrategien scheinen oftmals eher der Lektüre von Romanen als der kritischen Lektüre wissenschaftlicher Texte angemessen. Manche Studierende erwarten von geschichtswissenschaftlichen Texten vor allem Informationen darüber ,wie es damals war‘. Vielen Studierenden ist nicht klar, dass Aussagen über die Vergangenheit, die Historiker*innen treffen, Konstruktionen sind, die in der Auseinandersetzung mit älterer Literatur und historischen Quellen argumentativ entwickelt und gestützt werden müssen. Dass analytisches und kritisches Lesen darauf abzielt, diese Konstruktionen nachzuvollziehen und zu reflektieren, ist ohne Erläuterungen ebenfalls vielen nicht bekannt. (vgl. Neumann 2015/2019)

8 Kommentar schreiben zu Absatz 8 1 Die Zufriedenheit von Lehrenden mit den kritischen Analysen, die Studierende als Prüfungsleistung anfertigen, habe ich zu Beginn des Bielefelder QPL-Projekts „richtig einsteigen mit literalen Kompetenzen“ im Wintersemester 2012/13 abgefragt. Weitgehend einhellig berichteten Lehrende, dass Studierende in der Regel inhaltliche Zusammenfassungen oder gar Nacherzählungen verfassen würden. Ein analytischer und kritischer Draufblick auf den jeweiligen Text wurde vermisst. Es mangele den Studierenden offenbar an einem Verständnis, was ein forschungsorientierter geschichtswissenschaftlicher Text eigentlich ist. Studierende würden die Texte in der Regel vor allem in Hinblick auf ihre Verständlichkeit und Lesbarkeit für sich als Studienanfänger*innen bewerten. Auch sprachliche und stilistische Mängel werden oft erwähnt.


Die Grundkurse MA/FNZ-Moderne, Teil 1

9 Kommentar schreiben zu Absatz 9 1 Die zweisemestrigen Grundkurse Mittelalter/Frühe Neuzeit – Moderne, die von zwei Lehrenden geleitet werden, sind seit der Gründung der Fakultät für Geschichtswissenschaft 1973 eine Spezifikum des Bielefelder Geschichtsstudiums. Sie ersetzen die Proseminare, die an den meisten Universitäten Deutschlands in das Studium einzelner Epochen einführen. Ein übergeordnetes Thema, auf das die beiden Lehrenden sich einigen, wird über die Epochengrenzen hinweg behandelt. Das erste Semester dieser Kurse ist insbesondere dafür vorgesehen den Umgang mit geschichtswissenschaftlicher Fachliteratur einzuüben: „Die Studierenden lernen die unterschiedlichen Textgattungen und die wichtigsten Publikationsorgane der Geschichtswissenschaft kennen. Sie werden in forschungsorientiertes und kritisches Lesen der Fachliteratur und in Verfahren zur Sicherung ihrer Lektüreerfahrung eingeführt. Gleichzeitig werden sie befähigt, den der Fachliteratur zugrunde liegenden Forschungsprozess nachzuvollziehen (Fragestellung, Quellen und Methoden, Argumentationsgang).“ (Modulbeschreibung). Die wöchentlichen Grundkurssitzungen sind dreistündig (3×45 min). Zum Grundkurs gehört eine mehrtägige Exkursion. Die Grundkurse werden von zwei Tutor*innen begleitet, die im Verlauf des Semesters jeweils neun bis zehn Tutoriumstermine anbieten, die für das Einüben propädeutischer Inhalte genutzt werden. In der Regel beginnen die Bielefelder Grundkurse mit 30-40 Studierenden, die großteils im zweiten Fachsemester studieren. Ein Lehrender mit langjähriger Grundkurserfahrung berichtet, dass bei ihm oft nur noch die Hälfte der Studierenden, die einen Grundkurs beginnen, im zweiten Semester noch dabei ist. Über die Quote derjenigen, die beide Semester erfolgreich abschließen, gibt es nur Schätzungen, weil Prüfungsleistungen zum Teil verspätet eintreffen und manchmal noch später verbucht werden.

10 Kommentar schreiben zu Absatz 10 1 Klassisch funktioniert Lehre in geschichtswissenschaftlichen Seminaren, auch in den Grundkursen, meist so, dass über Texte diskutiert wird, die die Studierenden vorab gelesen haben sollen. Es wird also, gerade in den Grundkursen, in gewisser Weise etwas vorausgesetzt wird, das erst noch gelernt und trainiert werden soll. Unter anderem damit mag es zusammenhängen, dass sich oft nur wenige Studierende an diesen Textbesprechungen beteiligen. Offenbar lesen Studierende Texte, die sie für Sitzungen vorbereiten sollen, oft nicht besonders gründlich, zumindest nicht so, dass sie sich an Textdiskussionen beteiligen mögen. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass viele Studierende an den Kurssitzungen wie auch am Tutorium nur unregelmäßig teilnehmen. Anwesenheitskontrollen waren in NRW lange verboten und die Universität Bielefeld hat sich entschieden, darauf auch weiterhin weitestgehend zu verzichten. Ein Instrument, das Anreiz zur aktiven Mitarbeit geben kann und dem Einüben der zu erwerbenden Kompetenzen dient, sind die Studienleistungen. Pro Grundkurssemester ist als Studienleistung laut Modulbeschreibung „in der Regel“ eine Übungseinheit vorgesehen. Schriftliche Studienleistungen stellen viele Grundkurs-Lehrende allerdings nicht, weil das Lesen und Kommentieren studentischer Texte zweifellos arbeitsintensiv und zeitaufwendig ist.


Unser Lehrkonzept für den Grundkurs „Religiöse Pluralität in Vormoderne und Moderne“, Teil 1, Sommersemester 2019

11 Kommentar schreiben zu Absatz 11 0 Die Ziele und Inhalte dieses Grundkurses sollen hier nur insofern vorgestellt werden, als sie auf die genannte zentrale Kompetenz ausgerichtet sind, die erworben und trainiert werden soll. Unser Konzept zielt darauf ab, die oben zitierte Modulbeschreibung ernst zu nehmen. Die teilnehmenden Studierenden sollen den Umgang mit geschichtswissenschaftlicher Literatur einüben, sie sollen lernen und trainieren forschungsorientiert und kritisch zu lesen, außerdem auf die schriftliche Prüfungsleistung „kritische Analyse“ einer geschichtswissenschaftlichen Monographie bzw. geschichtswissenschaftlicher Aufsätze vorbereitet werden. Dazu gehört auch, dass sie besser verstehen und einschätzen können, was von geschichtswissenschaftlichen Texten, je nach Textgattung, eigentlich erwartet werden kann. Folgendes soll dazu beitragen:

12 Kommentar schreiben zu Absatz 12 1 a) Früh im Semester ein Leseworkshop – eine 135-minütige Sitzung, in der ein geschichtswissenschaftlicher Aufsatz, den die Studierenden noch nicht kennen, gemeinsam erschlossen und „angelesen“ wird. (Eine Beschreibung eines konzeptionell ähnlichen Workshops findet sich in: Neumann (2015), S. 76-80; vgl. dazu auch das Kapitel „Literatur auswerten“ in Neumann (2018) und Neumann (2019).

13 Kommentar schreiben zu Absatz 13 0 b) Ein kleines Portfolio als Studienleistung, in dem Studierende unterschiedliche Formen dokumentieren, mit Texten zu arbeiten. Dazu gehört,

  • 14 Kommentar schreiben zu Absatz 14 2
  • den Aufsatz, der im Leseworkshop erkundet und angelesen wurde, zu lesen und mit Unterstreichungen und Randbemerkungen zu versehen,
  • einen Text zu exzerpieren,
  • für einen Aufsatz das Schema „Ein forschungsorientierter geschichtswissenschaftlicher Text aus der Vogelperspektive betrachtet“ auszufüllen (vgl. Neumann 2018, S. 46)
  • eine schriftliche kritische Analyse eines geschichtswissenschaftlichen Aufsatzes als Probe für die Prüfungsleistung, abzugeben zu einem Stichtag im letzten Drittel des Semesters
  • Ein kurzer reflektierender Text, in dem die Studierenden beschreiben, ob und inwiefern ihnen die Arbeit am Portfolio nützlich erschien.
  • Die ersten drei, der hier genannten Aufgaben, dienen zugleich der Vorbereitung auf eine Grundkurssitzung. Eine Überprüfung erfolgt, außer für die Aufsatzanalysen, erst am Ende des Semesters mit der Abgabe des Portfolios.

15 Kommentar schreiben zu Absatz 15 0 c) Im Tutorium werden propädeutische Inhalte und Arbeitsweisen erläutert, erprobt und reflektiert. Die Verschränkung von Tutorium, Aufgaben für das Portfolio und Grundkurssitzungen ist im Veranstaltungsplan klar zu erkennen. Zu den Tutoriumsinhalten gehört unter anderem:

  • 16 Kommentar schreiben zu Absatz 16 0
  • Wissenschaftliche Textsorten (er)kennen und unterscheiden
  • Exzerpieren und Exzerpte verwalten (dazu auch: „Schreiben im Geschichtsstudium“, S. 48-53)
  • Schema „Ein forschungsorientierter geschichtswissenschaftlicher Text aus der Vogelperspektive betrachtet“ nutzen
  • Abstracts und Einleitungen analysieren
  • Rezensionen finden, lesen, analysieren
  • Formalia: Fußnoten und Literaturverzeichnisse entschlüsseln und gestalten
  • Über Gelesenes schreiben: Zitieren, paraphrasieren, referieren (entsprechend Neumann 2018, S. 83-90).

17 Kommentar schreiben zu Absatz 17 0 d) Ein generelles Feedback zu den Aufsatzanalysen, die Studierende als Teil der Studienleistung eingereicht haben. An anonymisierten Beispielen präsentiere ich viele gelungene und einige weniger gelungene Aspekte dieser Texte

18 Kommentar schreiben zu Absatz 18 0 e) Individuelles Feedback auf diese Aufsatzanalysen sowohl in schriftlicher wie mündlicher Form.

19 Kommentar schreiben zu Absatz 19 0 f) Besprechung mehrerer Texte zum Seminarthema. In diesen eher klassisch gestalteten Sitzungen haben wir Arbeitsweisen aufgegriffen, die bereits eingeführt waren.

20 Kommentar schreiben zu Absatz 20 0 g) Einen Workshop zur Weiterarbeit und Textüberarbeitung elf Tage vor dem Abgabedatum. An diesem Workshop haben 11 Studierende aus unserem Grundkurs und einige Studierende aus anderen Grundkursen teilgenommen. Studierende hatten die Gelegenheit, Fragen zu stellen, sie haben Hinweise zu Textüberarbeitung und zum konstruktiven Textfeedback erhalten und sich in Kleingruppen wechselseitig Feedback auf Textentwürfe gegeben.


Empirisches Material, Methode und einige Zahlen

21 Kommentar schreiben zu Absatz 21 0 Ein Semesterprogramm, in dem eine Vielzahl von didaktischen Interventionen kombiniert wird, lässt sich, so mein Eindruck aus der Lektüre von Grabowski 2017, nicht sauber auf seine Wirksamkeit beforschen. Den Anspruch, tatsächlich einen Nachweis der Wirksamkeit zu erbringen, kann ich vermutlich methodisch nicht erheben. Doch im Sinne des Scholarship of Teaching and Learning bleibt mir nichts anderes übrig, als Daten zu sammeln und auszuwerten, die sich im Laufe der Durchführung ergeben haben, ihre Aussagekraft zu reflektieren und sie, bei aller gebotenen Vorsicht, als Indizien zu verwenden.

22 Kommentar schreiben zu Absatz 22 0 Das empirische Material, das ich auswerten werde, besteht wie gesagt aus meinen schriftlichen Kommentaren zu Texten der Studierenden und aus deren schriftlichem Feedback zu Elementen des Kurses, zum einen zum Leseworkshop, zum anderen zur Arbeit mit dem „Portfolio“.

23 Kommentar schreiben zu Absatz 23 0 In diesem Grundkurs, Teil 1, haben von anfangs 36 Studierenden 33 die Studienleistung erbracht, 31 die Prüfungsleistung eingereicht, 21 Studierende haben die Prüfungsleistung im ersten Anlauf bestanden[3]. Es ist anzunehmen, dass die Gesamtzahl derjenigen, die die Prüfungsleistung bestehen, noch steigt, wenn demnächst die zweiten Versuche eingereicht sind. 30 Studierende haben im zweiten Grundkurssemester, in dem es um die Arbeit mit selbst recherchierten historischen Quellen und das Schreiben einer Hausarbeit geht, aktiv mitgearbeitet, indem sie ihre Studienleistung erbracht haben. Das erscheint mir, an den Selbstaussagen einiger Lehrender anderer Grundkurse gemessen, die von einer Halbierung der Studierendenzahlen vom ersten zum zweiten Grundkurssemester berichten, eine vergleichsweise hohe Zahl zu sein.


Analyse der Daten und Ergebnisse

24 Kommentar schreiben zu Absatz 24 0 Rückmeldungen der Studierenden zum Leseworkshop: In der zweiten Sitzung des Grundkurses habe ich einen Leseworkshop veranstaltet. Am Ende dieser Workshops habe ich die Studierenden um anonyme schriftliche Rückmeldung gebeten. Die Leitfrage dafür lautete: „Haben Sie von dieser Sitzung profitiert? Wenn ja, inwiefern?“ Von insgesamt 24 Rückmeldungen sind 19 eindeutig positiv oder sehr positiv, zwei sind abwägend formuliert, drei besagen, dass alles bereits bekannt gewesen sei oder für Irritation gesorgt habe. Einige exemplarische Antworten: „Ich habe durch die heutige Sitzung gelernt, nicht nur auf den Inhalt des Textes zu achten, sondern auch Vorarbeit zu leisten, um den Text vollständig zu verstehen.“; „Ja, es hat geholfen 1. Besseres System zur Orientierung im Text; 2. Wichtige Stellen kenntlich zu machen; 3. Sich selbst zu motivieren, den Text genau weiterzulesen“; „Es hat mir geholfen eine Einleitung besser auf Informationen zu filtern. Ich würde meine Arbeitsweise wahrscheinlich trotzdem nicht großartig ändern. So eine Veranstaltung wäre wahrscheinlich an anderer Stelle sinnvoller gewesen, vielleicht bevor man sich eine Arbeitsweise angewöhnt hat.“

25 Kommentar schreiben zu Absatz 25 0 Analyse von drei „Datensätzen“für jeweils eine/n Studierende/n: Diese Datensätze enthalten jeweils meine Kommentare zur Aufsatzanalyse, die Studierende im Rahmen der Studienleistung geschrieben haben, meine Kommentare zu den Teilen von deren Prüfungsleistungen, die ich selbst beurteilt und kommentiert habe[4], und die Rückmeldung dieser Studierenden zur Arbeit mit dem Portfolio.

26 Kommentar schreiben zu Absatz 26 0 Analyse des Datensatzes zu den Texten der Studierenden O

27 Kommentar schreiben zu Absatz 27 2 Die Studierende O. war eine der jüngsten im Kurs, eine von wenigen, die den Kurs im allerersten Semester ihres Studiums belegt haben. O.s Datensatz habe ich gewählt, weil mir aus ihrer ersten Aufsatzanalyse noch gut in Erinnerung war, wie unbeholfen sie Verweise in ihren Text einbaute, wie oft sie berichtete, was im Aufsatz in welcher Reihenfolge passierte und dass sie diverse unscharfe Formulierungen gebrauchte. Beispiele aus ihrer ersten Aufsatzanalyse hatte ich in anonymisierter Form im Rahmen des generellen Feedbacks vorgestellt, mit beschwichtigenden Kommentaren, dass solche Unbeholfenheiten zu Beginn des Studiums sehr verständlich sind und dass ich sie zeige, damit Studierende wissen, worauf sie achten können.

28 Kommentar schreiben zu Absatz 28 0 In meinem schriftlichen Kommentar zu ihrer Studienleistung wird deutlich, dass die Studierende die Aufgabe Aufsatzanalyse einigermaßen gut gelöst hat. Sie hat zentrale Inhalte angesprochen. Sie benennt Thema, Aufbau, Fragestellungen der Autorin, außerdem die Besonderheit der untersuchten Region, weist auf historische Quellen hin, die die empirische Basis des Textes bilden, auch wenn deren Benennung noch zu unspezifisch ist. In meinem Kommentar heißt es diesbezüglich: Sie kommen mehrmals darauf zu sprechen, dass Ullmann [historische] Quellen verwendet. Sie sollten diese allerdings, wie ich schon sagte, charakterisieren.  Die Arbeitsweise der Autorin zu charakterisieren gelingt der Studierenden noch nicht gut: Auch Ullmanns Arbeitsweise (aus diesen Quellen einzelne Konflikte herauszuarbeiten) sollten Sie noch deutlicher machen.  Sprachlich und formal hat sie die Aufgabenstellung nicht gut gelöst: Sprachlich (vor allem in Ausdruck und Zeichensetzung) werden Sie sich sicherlich noch weiterentwickeln. Das kommt mit Übung und Aufmerksamkeit für diese Dinge. […] Ihren Text habe ich mit Einzelanmerkungen versehen, die auf konkrete Fehler, Missverständliches und Ungenaues hinweisen.

29 Kommentar schreiben zu Absatz 29 0 An meinem Kommentar zu Ihrer Prüfungsleistung ist meine Einschätzung zu erkennen, dass die Studierende die Aufgabenstellung insgesamt gut bewältigt hat. Auffällig ist, dass dieser Text sprachlich sehr viel besser ist als ihr erster: Sprachlich ist Ihr Text weitgehend fehlerfrei und gut lesbar.  Vermutlich hat sie darauf besonders geachtet und ihren Text auch Korrektur lesen lassen. Sie hat die zentrale These des Autors und den Aufbau erkannt und genannt. Wiederum ist es die empirische Basis, die sie ansatzweise, aber noch nicht sehr befriedigend charakterisiert: Hinsichtlich der Literaturbasis des Textes hätte ich mir noch mehr Aufmerksamkeit gewünscht. […]. Die Schwierigkeit bestand allerdings darin, dass es sich bei dem Aufsatz nicht um eine auf der Grundlage von historischen Quellen gearbeitete Fallstudie handelt, der Autor vielmehr auf der Grundlage von neuerer Literatur Beispielgruppen schildert, die für seine These sprechen sollen. Die Kritik des Autors an anderen Forschungspositionen, über die er seine eigene These konstruiert, hat die Studierende missverständlich wiedergegeben: In Ihrer Darstellung der Position Assmanns könnte früher deutlich werden, dass Scholl sie kritisiert und sich von ihr absetzen will. Erstmal liest es sich [bei Ihnen] so, als sei Scholl damit einverstanden.  Die Studierende bringt in Ansätzen Kritik an der Argumentation des Autors vor: Es ist gut, dass Sie sich an einer Kritik an Scholls Argumentation versuchen. Sie hätte ruhig noch intensiver ausfallen können. So ist schon die Formulierung der Problemstellung bei Scholl sehr suggestiv und schlecht belegt: […]

30 Kommentar schreiben zu Absatz 30 0 Meine Kommentare deuten also darauf hin, dass die Studierende wichtige Aspekte der Arbeit mit geschichtswissenschaftlichen Texten verstanden hat und umsetzen kann. Im Bereich von Sprache und Formalia sind deutliche Verbesserungen zu verzeichnen. Sie selbst sieht sich durch das Kurskonzept unterstützt. Ihr Kommentar zur Arbeit mit dem Portfolio, der in der letzten Sitzung der Vorlesungszeit entstanden ist, lautet: Ich fand die Aufgaben sehr nützlich. Ich bin Ersti gewesen und bin froh, neue Techniken gelernt zu haben. Ich finde es besonders gut, dass wir den Ullmann Text (als Probe) bearbeitet hatten und nun eine Rückmeldung bekommen. Bemerkungen: Ich hoffe, dass wir weiterhin so gut vorbereitet werden. Auch hoffe ich, dass das Gruppenklima genauso gut bleibt.[5]

31 Kommentar schreiben zu Absatz 31 0 Analyse des Datensatzes der Studierenden C

32 Kommentar schreiben zu Absatz 32 0 Die Studierende C. hat in ihrem zweiten Studiensemester an unserem Grundkurs, Teil 1, teilgenommen. Ich habe sie ausgewählt, weil mir aus dem Workshop zur Weiterarbeit und Textüberarbeitung in Erinnerung ist, dass sie Inhalte des Aufsatzes zur mittelalterlichen Geschichte viel zu detailliert nacherzählt hatte und ihr das vor dem Hintergrund des Feedbacks auf die Studienleistungen bewusst war. Bei der Rückgabe ihrer Prüfungsleistung, die dann recht befriedigend ausgefallen ist und bei der dieses Problem zumindest für diesen Aufsatz nicht mehr auftauchte, habe ich sie gefragt, wie sie es gelöst habe. Sie sagte, sie habe „zwischendurch geheult“. Offenbar hat sie hart gearbeitet, um aus der detaillierten Nacherzählung herauszufinden.

33 Kommentar schreiben zu Absatz 33 0 Mein Kommentar zu C.s erster Aufsatzanalyse (Studienleistung) bezieht sich zunächst auf ihre Sprache: grundsätzlich gefällt mir Ihre Sprache. Sie ist klar und konkret. Ich sehe diesbezüglich keine grundlegenden Probleme, auch wenn ich an manchen Stellen Nachfragen und Anmerkungen notiert habe, weil mir Ihre Aussagen zum Teil nicht differenziert/genau genug waren. Sehen Sie sich das bitte an. So sind mir Fragestellung und These, die Sie im ersten Absatz präsentieren, etwas zu grob und eindeutig. […] Fraglos geben Sie inhaltlich wichtige Punkte wieder. An manchen Stellen fehlen mir Nuancen. Unter Sprachliches fällt auch mein Hinweis auf einen falschen Begriffsgebrauch (Sie schreiben zu oft von Konfessionen, wo es Religionen heißen müsste) und auf Fragen des Tempus (Sie verwenden gelegentlich Präsens, wo m.E. Präteritum (einfache Vergangenheit) sinnvoller wäre. (Auch andersherum: Gelegentlich schreiben Sie das, was Ullmann in ihrem Text tut, in der Vergangenheitsform. Hierfür ist Präsens üblicher.)

34 Kommentar schreiben zu Absatz 34 0 Mein Kommentar enthält die Anerkennung, dass C. – zumindest im Groben – Fragestellung, These und wichtige inhaltliche Punkte des Aufsatzes nennt. C. versucht sich auch an einer Kritik des Aufsatzes, die ich allerdings als sehr scharf und zum Teil unangemessen beurteile: Ihre Kritik an der Wissenschaftlichkeit des Aufsatzes ist recht scharf formuliert. Bitte lesen Sie meine Kommentare dazu. Sie kritisieren, dass Ullmann aus den archivalischen Quellen zitiert – das macht einen Teil der Wissenschaftlichkeit ihres Textes aus. Ihre Aussagen sind [dadurch] nachvollziehbar und intersubjektiv überprüfbar.

35 Kommentar schreiben zu Absatz 35 0 Mein Kommentar zu C.s erster Aufsatzanalyse in der Prüfungsleistung erkennt zunächst an, dass C. zentrale Elemente, die Sie in Ihrer Analyse herausarbeiten sollten, aufgezeigt hat: Thesen, (implizite] Fragestellung, Methode, empirische Grundlage, Argumentation. Soweit ist Ihr Text sehr befriedigend ausgefallen.

36 Kommentar schreiben zu Absatz 36 0 C. nimmt, wie auch in ihrer ersten Aufsatzanalyse, begrüßenswerter Weise eine kritische Haltung ein, ist dieses Mal jedoch – vielleicht aufgrund meines ersten Kommentars? – zurückhaltender: Sie versuchen auch an einigen Stellen etwas Kritik an Scholls Argumentation anzubringen, was nur zu berechtigt ist. Da sind Sie auf der richtigen Spur und hätten kritisch weiterdenken sollen und müssen. Sie geben Ihre kritischen Nachfragen zu früh auf und folgen dann wieder unkritisch Scholls Gedankengang. […] An manchen Stellen gelingt es der Studierenden angemessene Distanz zum Wiedergegebenen zu schaffen und zu beobachten, wie der Autor arbeitet: Gut ist, dass Sie an manchen Stellen klar machen, dass Scholl aus den Beispielen bestimmte weitgehende Schlüsse zieht, […] so schaffen Sie Distanz zu diesen (m.E. problematischen) Aussagen. Leider machen Sie das nicht durchgängig. Z.B. S. 5 Mitte und S. 6 unten klingt es so, als stünde zweifelsfrei fest, dass bestimmte Aktionen, bei den Juden zu Schaden kamen, nicht religiös begründet gewesen seien. Mein Kommentar thematisiert außerdem Sprachliches. C.s Text wirkt auf mich in dieser Hinsicht noch etwas unbeholfen und ich gebe dafür einige Beispiele. Ich weise auf eine Reihe von Zeichensetzungsfehlern hin, auch darauf, dass sie die indirekte Rede manchmal mit Konjunktiv II statt Konjunktiv I konstruiert und gebe dafür wieder ein Beispiel.

37 Kommentar schreiben zu Absatz 37 0 In ihrer zweiten Aufsatzanalyse, die Teil der Prüfungsleistung ist, zeigt C.s Bericht über Gedankengang und Ergebnisse des Aufsatzes etwas zu wenig „Draufblick“ auf den Text: In der Wiedergabe der Inhalte sind Sie recht nah am Originaltext, da hätten Sie zwischendurch (innerlich zumindest) mehr Distanz zum Text einnehmen können, damit Sie nicht so stark nacherzählend/wiedergebend schreiben müssen. Aber wesentliche Aussagen und Aspekte bekommen Sie fraglos zu fassen.

38 Kommentar schreiben zu Absatz 38 0 Auch in dieser Aufsatzanalyse übt C. zurückhaltende Kritik. In meinem Kommentar heißt es: Ihre kritische Reflexion des Aufsatzes und die kurze Vorstellung der Ergebnisse am Schluss gefallen mir eigentlich recht gut. Die Kritik am Aufsatz (z.B., dass etwas unklar ist, was die die Autorin eigentlich will:  Maßnahmen der Rekatholisierung darstellen oder die lutheranische Sicht auf diese Maßnahmen oder sonst noch etwas?) hätten Sie ruhig noch schärfer und pointierter formulieren können. Sie dürfen und sollen darüber nachdenken, was HistorikerInnen in ihren Texten tun, wie klar oder unklar das ist, etc.

39 Kommentar schreiben zu Absatz 39 0 Mein Kommentar thematisiert wiederum die Sprache: An manchen Stellen gibt es schiefe Ausdrücke, gelegentlich Zeichensetzungs- oder Rechtschreibfehler.

40 Kommentar schreiben zu Absatz 40 0 Wie O. fühlte sich auch  C., die akzeptable Leistungen abgeliefert hat, durch die im Laufe des Semesters gestellten Aufgaben offenbar unterstützt. Ihre Rückmeldung auf die Arbeit am Portfolio lautet: Ich persönlich fand die Arbeit am Portfolio gut. Aufgrund der Aufgabenstellung hat man sich genauer und explizierter mit den Texten beschäftigt und sie genauer analysiert. Besonders hilfreich fand ich, dass wir vor der Prüfungsleistung eine kritische Analyse schreiben konnten und für diese ein individuelles Feedback bekommen haben. C. lobt aber nicht nur, sondern übt auch Kritik: Die Arbeit mit dem englischen Text fand ich zwar hilfreich, aber auch sehr schwierig. Dabei hätte ich es besser gefunden, wenn alle sich mit demselben Text hätten beschäftigen müssen. So hätte ein besserer Austausch stattfinden können. Vielleicht lässt sich daraus schließen, dass ihre Rückmeldung auf das Portfolio nicht als Gefälligkeitskommentar zu verstehen ist.

41 Kommentar schreiben zu Absatz 41 0 Analyse des Datensatzes des Studierenden M.

42 Kommentar schreiben zu Absatz 42 0 M., ebenfalls im zweiten Semester, hat sehr regelmäßig an den Grundkurs-Sitzungen teilgenommen, sich allerdings kaum mündlich beteiligt. Er vertritt hier die Gruppe der Studierenden, die die Prüfungsleistung im ersten Anlauf nicht vollständig bestanden haben. In Gesprächen erwähnte er, dass ihm die viele „Freizeit“, die das Studium mit sich bringe, Schwierigkeiten mache, und dass er sich nicht gut zur Arbeit für seine Lehrveranstaltungen motivieren kann.

43 Kommentar schreiben zu Absatz 43 0 Mein Kommentar zu M.s erster Aufsatzanalyse (Studienleistung) zeigt, dass M. viele zentrale Punkte des Textes erkannt und […] angesprochen hat, auch wenn ich gelegentlich […] mit Ihrer Lesart und Gewichtung nicht ganz übereinstimme. M.s Draufblick auf den gelesenen Text und dessen Reflexion scheinen mir ausbaufähig zu sein: Sie sollten noch genauer darauf achten, wie die Autorin ihre Leitfragen beantwortet! Ausführlicher kommentiere ich die sprachliche Qualität: Sprachlich fallen mir eine Vielzahl von kleineren und größeren Fehlern auf: Grammatik, Zusammen- bzw. Getrenntschreibung, Satzbau, Ausdruck, Groß- und Kleinschreibung. Tempus (Zeit): Was die Autorin in ihrem Text tut, schreiben wir üblicherweise in der Gegenwartsform.

44 Kommentar schreiben zu Absatz 44 0 M.s erste von drei kritischen Aufsatzanalysen aus der Prüfungsleistung habe ich als bestanden bewertet: Die Aufgabe der kritischen Analyse haben Sie im Groben erfüllt. Thema und Zielsetzung Scholls werden deutlich. Die Arbeitsweise Scholls bringen Sie zur Sprache: […] Die empirische Basis des Textes (Literatur und vereinzelte Quellen) bringen Sie ebenfalls zur Sprache. Sie stellen dann die Abschnitte des Textes von Scholl vor und treffen meiner Ansicht nach den inhaltlichen Kern dieser Abschnitte recht gut.“ Dann weise ich auf einzelne Stellen seines Textes hin, mit denen ich inhaltlich nicht einverstanden bin oder die mir unverständlich erscheinen. Eine kritische Sicht auf den Aufsatz ist in M.s Text in Ansätzen enthalten. In meinem Kommentar heißt es: Die kritische Reflexion der Argumentation Scholls fällt etwas zu knapp aus. Ist sie tatsächlich überzeugend? Sie haben ja offenbar Zweifel. Formulieren Sie die bitte genauer! Der Kommentar schließt mit Bemerkungen zur Sprache: Sprachlich sind Ihre Ausführungen an vielen Stellen unbeholfen, fehlerhaft und ungenau. Dies zeige ich an einer Reihe von Beispielen aus seinem Text auf.

45 Kommentar schreiben zu Absatz 45 0 Die zweite Aufsatzanalyse, die Teil der Prüfungsleistung ist, hat M. in der abgegebenen Form nicht bestanden, obwohl laut meinem Kommentar wichtige Aspekte dessen, was Sie im Rahmen der Aufsatzanalyse leisten und liefern sollten enthalten sind. Der ausführliche Kommentar endet mit der Bemerkung: Sie müssen diesen Text überarbeiten. Ich kann Sie angesichts der Fülle sprachlicher Fehler nicht durchkommen lassen. Eine detaillierte Nacherzählung entspricht nicht der Aufgabenstellung. Die kritische Reflexion, inwiefern die Autorin die selbst gesteckten Ziele erreicht und ob die Konzeption des Aufsatzes überzeugt, ist zu schwach.

46 Kommentar schreiben zu Absatz 46 0 Was kann man diesen Kommentaren zu M.s Texten entnehmen? Offenbar hat der Studierende ein Verständnis davon, wonach Historiker*innen gucken, wenn sie geschichtswissenschaftliche Texte analytisch in den Blick nehmen. Er ist in der Lage, Kernelemente geschichtswissenschaftlicher Aufsätze zu erkennen und inhaltlich Relevantes zu entnehmen und zu präsentieren. Kritische Reflexion der gelesenen Texte in ihrer Konzeption und Argumentation ist in Ansätzen vorhanden, kommt aber noch zu kurz. Einmal verfehlt er die Aufgabenstellung insofern, als er zu viel und ausführlich nacherzählt. Als wesentlicher Fallstrick tritt seine sprachliche Unbeholfenheit hervor. Inhaltlich Missverständliches, das in allen drei Texten auftritt, mag auf sprachliche Unbeholfenheit und auch mangelnde Sorgfalt zurückzuführen sein.

47 Kommentar schreiben zu Absatz 47 0 Auf sprachlicher Ebene sind, zumindest anhand meiner Kommentare, keine bemerkenswerten Fortschritte erkennbar. M.s Rückmeldung zur Arbeit mit dem Portfolio ist verhaltener als die der beiden anderen Studierenden. . Er kommentiert jede Einzelaufgabe einzeln, so heißt es darin zum Beispiel: Das Schema „Ein geschichtswissenschaftlicher Text aus der Vogelperspektive betrachtet“ für den Text von Ullmann ausfüllen Von mir nur teils als sinnvoll empfunden, da ich mir eigene Textbearbeitungsstrategien beibrachte. Ich erkenne jedoch den Sinn dahinter und verstehe, dass man dadurch wieder ein guten Überblick zu einem Text erringen kann;


Schlussbemerkungen

48 Kommentar schreiben zu Absatz 48 0 Was lässt sich abschließend zur Nützlichkeit unseres „Trainingsprogramm“ für das Erlernen fachgerechten, analytischen und kritischen Lesens geschichtswissenschaftlicher Texte im Rahmen des Grundkurses, Teil 1 sagen?

49 Kommentar schreiben zu Absatz 49 0 Statistiken, die nachweisen, dass wir besonders viele Studierende erfolgreich durch das erste Grundkurssemester geführt haben, stehen nicht zur Verfügung. Es ist nur eine Einschätzung, dass wir mehr Studierende ins zweite Semester führen konnten als das in manchen anderen Grundkursen der Fall ist, in denen zwar nicht mit unserem Trainingsprogramm, aber doch auf die eine oder andere Art das analytische und kritische Lesen auch trainiert wird. Es lässt sich mutmaßen, dass dieser vermutete relative Erfolg auch auf unser Trainingsprogramm zurückzuführen ist. Immerhin gibt es Studierenden mehrfach Anlass, Texte nicht nur zu lesen, sondern sich intensiver mit ihnen auseinanderzusetzen. Unsere generellen und individuellen Rückmeldungen auf ihre ersten Texte scheinen von manchen Studierenden durchaus als Lernmöglichkeit genutzt zu werden. Das Portfolio, in dem mehrere Einzelaufgaben dokumentiert werden müssen, sorgt zumindest in einigen Sitzungen für verbindlichere Teilnahme und gute Mitarbeit.

50 Kommentar schreiben zu Absatz 50 0 Die exemplarische Untersuchung dreier „Datensätze“ zeigt, dass laut meiner Kommentare alle drei Studierenden zentrale Elemente geschichtswissenschaftlicher Texte, die im Rahmen einer kritischen Analyse zu nennen sind, erkennen und zur Sprache bringen. Besonders für die Studierende O. zeigt sich in ihrem zweiten Text eine deutliche Verbesserung. Sie löst die im Rahmen der Prüfungsleistung gestellte Aufgabe zufriedenstellend und äußert schon vor deren Anfertigung, dass sie sich durch den Kurs und die Studienleistung gut vorbereitet sieht.

51 Kommentar schreiben zu Absatz 51 0 Auch die Studierende C. besteht die Prüfungsleistung, indem sie zentrale Elemente der geforderten analytischen Betrachtung des jeweiligen Aufsatzes angemessen präsentiert. Sie übt ihren kritischen Blick auf Texte. Sprachlich zeigen sich in ihren Ausführungen Schwächen, die aber nicht zu gravierenden Missverständnissen führen. Auch C. lobt die Aufgaben, die im Rahmen des Portfolios bearbeitet werden mussten, weil sie sich dadurch zur intensiveren Beschäftigung mit der Kurs-Lektüre angehalten sah und Gelegenheit hatte, die Aufsatzanalyse zu üben und Feedback zu erhalten.

52 Kommentar schreiben zu Absatz 52 1 Die Texte des Studierenden M. lassen ebenfalls erkennen, dass er Aspekte der Aufgabenstellung „kritische Aufsatzanalyse“ umsetzen kann. Die kritische Reflexion der gelesenen Aufsätze kommt noch zu kurz. Für einen der besprechenden Aufsätze verliert er den Draufblick auf den Text und erzählt detailliert nach. Es fällt die Fülle sprachlicher, zum Teil auch inhaltlicher Ungenauigkeiten auf. Eine der Aufsatzanalysen aus der Prüfungsleistung hat er noch nicht bestanden. Zu diesem mäßigen Erfolg passt, dass er unser Trainingsprogramm bzw. die Aufgabenstellungen, die im Portfolio protokolliert werden, nicht so eindeutig als hilfreich charakterisiert hat.

53 Kommentar schreiben zu Absatz 53 2 Was soll ich aus all dem schließen? Spricht irgendetwas für die Nützlichkeit und Wirksamkeit unseres Trainingsprogramms? Die Tatsache, dass für mindestens eine Studierende die Prüfungsleistung deutlich besser ausgefallen ist als ihre Studienleistungen mag doch einzig darauf zurückzuführen sein, dass sie diese ernster genommen hat? Gegen diese Vermutung spricht immerhin ihre Einschätzung, im Kurs gut vorbereitet worden zu sein. Ist es ein Zufall, dass die Studierenden, die der Arbeit mit dem Portfolio explizit viel abgewinnen können, die Prüfungsleistung mit sehr akzeptablen Ergebnissen bestanden haben? Ich bitte die Leser*innen meines Beitrags um Einschätzungen und Hinweise, ob und wie ich dem vorhandenen Datenmaterial im Sinne des Scholarship of Teaching and Learning Aussagen zur Wirksamkeit des Trainingsprogramms entnehmen kann… Auch für Hinweise auf Literatur, auf die ich mich beziehen kann und sollte, etwa in Hinblick auf meine Untersuchungsmethode, bin ich dankbar!


54 Kommentar schreiben zu Absatz 54 0 [1] Die Gründe für diese Abwandlung sind hier nicht von Belang.

55 Kommentar schreiben zu Absatz 55 0 [2] In der Abteilung Geschichtswissenschaft gilt die Regel, dass in den Grundmodulen Prüfungsleistungen von Studierenden, die als nicht bestanden zu bewerten wären, als Entwurfsfassungen gelten. Studierende dürfen nach einem ersten Feedback durch den/die Lehrende eine neue Fassung einreichen.

56 Kommentar schreiben zu Absatz 56 0 [3] In der Abteilung Geschichtswissenschaft gilt die Regel, dass Prüfungsleistungen von Studierenden in den Grundmodulen, die als nicht bestanden zu bewerten wären, als Entwurfsfassungen gelten. Studierende dürfen nach einem ersten Feedback durch den/die Lehrende eine neue Fassung einreichen.

57 Kommentar schreiben zu Absatz 57 0 [4] Die Analysen des Aufsatzes zum mittelalterlichen Thema habe ich alle kommentiert und bewertet. Die Analysen des Aufsatzes zum frühneuzeitlichen Thema haben mein Kollege und ich uns geteilt. Die Analysen des Aufsatzes zum modernen Thema hat mein Kollege bewertet. Ich nutze für diese Auswertung nur meine eigenen Kommentare und Bewertungen.

58 Kommentar schreiben zu Absatz 58 0 [5] Diesen Kommentar hat sie der letzten Sitzung im Sommersemester 2019 verfasst, kurz vor der Rückgabe der ersten Aufsatzanalyse.


Literatur

59 Kommentar schreiben zu Absatz 59 0 Grabowski, Joachim (2017): Anforderungen an Untersuchungsdesigns, in: Michal Becker-Mrotzek /Joachim Grabowski/Torsten Steinhoff (Hg.), Forschungshandbuch empirische Schreibdidaktik, Münster/New York: Waxmann, S. 315-334.

60 Kommentar schreiben zu Absatz 60 0 Neumann, Friederike (2015): How Does a Historian Read a Scholarly Text and How Do Students Learn to Do the Same? In: David Ludvigsson/Alan Booth (Hrsg.): Enriching History Teaching and Learning. Challenges, Possibilities, Practice. Proceedings of the Linköping Conference on History Teaching and Learning in Higher Education. Linköping: Linköping University, S. 67-83.

61 Kommentar schreiben zu Absatz 61 0 Neumann, Friederike (2018): Schreiben im Geschichtsstudium (utb 4843). Opladen /Toronto: Barbara Budrich.

62 Kommentar schreiben zu Absatz 62 0 Neumann, Friederike (2019): Die Lesedemonstration. Studierende beobachten, wie Profis sich einen Text erschließen. In: Christoph Wymann (Hg.): Praxishandbuch Schreibdidaktik. Übungen zur Vermittlung wissenschaftlicher Schreibkompetenz (utb 5264), Opladen/Toronto: Barbara Budrich, S. 82-85.

63 Kommentar schreiben zu Absatz 63 0 Pace, David (2004): Decoding the Reading of History: An Example of the Process. In: Middendorf, Joan/Pace, David (Hrsg.): Decoding the Disciplines: Helping Students Learn Disciplinary Ways of Thinking. San Francisco: Jossey-Bass. 13-21.

Quelle:https://schreibenlehren.de/analytisch-und-kritisch-lesen-und-darueber-schreiben-lernen-ein-semesterprogramm-im-bachelorstudiengang-geschichtswissenschaft-an-der-universitaet-bielefeld/